Bruderschaft der Beckumer Bauknechte
Bruderschaft der Beckumer Bauknechte

Die mittelalterliche Bruderschaft der Beckumer Bauknechte

In einem ersten, urkundlichen Nachweis vom 18. März 1467 wird deutlich, dass die Bruderschaft seinerzeit schon über Barvermögen verfügte und Geld ausleihen konnte, was den Schluss zulässt, dass sie wesentlich älter ist als die zufällig erhaltene Erwähnung in der vorgenannten Handschrift.
Dieses Jahr als Ursprungsjahr für den Beckumer Karneval zu deuten ist allerdings ebenso falsch wie die immerwährenden Versuche, diese Bruderschaft als karnevalistische Vereinigung darzustellen. Ebenso gut könnte man den Gesellen des Beckumer Bäcker- und Schmiedeamtes eine gleiche Bedeutung zukommen lassen, denn auch die Söhne, Gesellen und Lehrjungen dieser und anderer alter Handwerkszünfte veranstalteten in früheren Jahrhunderten ihre Fastnachtsfeiern nachweislich mit Heischegängen. Dabei kamen sie sich gelegentlich in die Quere, was dann zu Streitigkeiten führte. Diese Fastnachtsfeiern sind für Beckum in vielfältiger Weise seit dem 16. Jahrhundert belegt.
Richtig ist vielmehr, dass aus dem - aus heidnischer Zeit stammenden - reichen Brauchtum zur Frühjahrszeit allerlei "Narreteien " entstanden sind. Dazu mischten sich christliche Bräuche zu Beginn der Fastenzeit, die sich allesamt in Schwelgereien, Trinkgelagen, Maskeraden, Tänzen und Umzügen ausdrückten. Diese Veranstaltungen erfolgten durch die Gesellen und Knechte der Gilden, Zünfte, Bruderschaften und Ämter, wie sich die Vereinigungen und Interessenverbände seinerzeit nannten. Ein wesentliches Merkmal waren die Heischegänge. Heischen war mit Fordern gleichzusetzen und hatte mit Betteln nichts zu tun, denn man forderte aufgrund alter Rechte vom Arbeitgeber, vom Bürger und Bauern.
Im gesamten Münsterland sind diese Heischegänge, die sich bis in die jüngste Zeit erhalten haben, überliefert. Der Bittgesang: "Giw mi eine kleine, dicke Pümmelwürst ist in Beckum an Karneval - nicht nur von Kindern - heute noch zu hören. Auch der Autor dieser Zeilen hat noch mit selbstgefertigter Gesichtsmaske daran teilgenommen. Damals heischte man ausschließlich in der Nachbarschaft und in nahegelegenen Gaststätten und bekam in der Regel Süßigkeiten.

Im Treiben der Beckumer Bauknechte ist dieses uralte Brauchtum überliefert.
Der Karneval hingegen, ist daraus hervorgegangen und hat sich in einer permanenten Veränderung zu dem entwickelt, wie er sich heute in seinen unterschiedlichen Variationen darstellt. Hier zeigt sich eine Beckumer Tradition, die das Hergebrachte pflegt und erhält, was sich auch in der Einmaligkeit der verschiedenen Beckumer Ämter mit ihren Kaptansfeierlichkeiten ausdrückt. Dass auch die Bauknechte ihren Karneval feierten, belegt eine Fastnachtsfeier aus dem Jahre 1823 beim Gastwirt Theodor Jäger in der heutigen Clemens-August-Straße 1 (Pumpe).
Als Besonderheit ist hier jedoch festzustellen, dass unter den vielen Ämtern, Gilden und Bruderschaften, gleich ob gewerblicher, religiöser oder gesellschaftlicher Art, keine ihre Sitten und Gebräuche in so einzigartiger Weise und unveränderter Form zur Schau trägt wie die Bruderschaft der Beckumer Bauknechte. Trotz aller Repressalien hat sie über die Jahrhunderte hinweg ihr uraltes Brauchtum bewahrt. Ein Unterschied zur alten Tradition hat sich insofern herausgebildet, als heute das ganze Jahr über geheischt wird und zwar zu allen möglichen Anlässen, an denen die Bauknechte mit ihrer Drehorgel immer wieder gern gesehen und eingeladen werden. Während früher jedoch vorwiegend für den Eigenbedarf gesammelt wurde und lediglich Überschüsse an die damaligen Armen- und Krankenhospitäler und später an das Vinzenshaus weitergegeben wurden, werden heute ausschließlich Spenden für gemeinnützige, soziale und kulturelle Zwecke erbeten.
In früheren Jahrhunderten gab es in Beckum mehrere sogenannte Hospitäler für Alte, Arme und Kranke. Das in der Urkunde von 1467 erwähnte Heilig-Geist-Hospital lag auf der Weststraße in Höhe der Hausnummer 40, bei Holtmann.
Die Bruderschaft der Beckumer Bauknechte war ursprünglich also eine Vereinigung von Acker- und Fuhrknechten in Beckum, die auch ohne geschriebene Statuten die Zeiten überdauert hat. An der Spitze stand der Pritschenmeister, der die Bruderschaft als Sprecher vertrat und bei Umzügen die Führung in den Festzügen übernahm. Sie hatte ihre eigenen - offensichtlich ungeschrieben - Gesetze und bestrafte Unregelmäßigkeiten. Eigene Ordner sorgten während der Umzüge und Festlichkeiten für Ordnung.
Mitglied konnte nur werden, wer bei einem Ackerbürger in Beckum als Bauknecht beschäftigt war und mit Pferd, Wagen und Pflug umgehen konnte, auch Fuhrknechte gehörten dazu. Außerdem waren kleine selbständige Fuhrleute und Landwirte, mit Wohnsitz in der Stadt, Mitglied dieser Bruderschaft. Wechselte ein Bauknecht jedoch seinen Beruf, ging in die Fabrik oder betätigte sich als Steinkühler, dann wurde er zwar nicht aus der Bruderschaft ausgeschlossen, konnte jedoch kein Amt mehr übernehmen. Er war sozusagen zahlendes Mitglied ohne Funktion, nahm aber an allen Aktivitäten teil. Waren es in der Regel ca. 40 bis 50 Mitbrüder - im Jahre 1928 hatte die Bruderschaft 52 Mitglieder -, die sich aktiv am Leben in der Bruderschaft beteiligten, so wurden es im Laufe der Jahre immer weniger. Mit dem Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe und der zunehmenden Industrialisierung in der Stadt verschwand langsam die alte Zunft der Bauknechte.
Als schließlich mit dem Lindenhof (Barkhaus an der Oststraße) das Stammlokal der Bruderschaft geschlossen wurde, veranstaltete man am Rosenmontag 1961 den letzten Umzug. Es sollte jedoch kein Heischegang werden, sondern der Rückzug der Bruderschaft aus dem öffentlichen Leben. Auf diesem Zug wurde die Bruderschaftstruhe mit Inventar und dem übrigen Besitztum der Bruderschaft in das Haus des Mitbruders Heinrich Rasche an der Engelsgasse gebracht. Nur noch 12 Bauknechte konnten teilnehmen. Der amtierende Pritschenmeister Gerhard Kissenbeck führte den Zug mit der Lindenwirtin Elli Barkhaus an und tanzte mit ihr auf dem Marktplatz den vorerst letzten Reigen eines Prischenmeisters. Nach einer Ehrenrunde endete der Zug bei Rasche.
Text: H. Schürbüscher
Fotos: Archiv Bauknechte

 

 

Der letzte Umzug 1961

Pritschenmeister Gerd Kissenbeck mit der Lindenwirtin Elli Barkhaus

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